Deutsche Automobilzulieferer stehen vor beispiellosen Herausforderungen. Chipmangel, Elektromobilität und extremer Preisdruck bedrohen ihre Existenz.
Wir bei Dealer Recode beobachten jedoch auch neue Chancen in dieser Transformation. Unternehmen, die jetzt strategisch handeln, können gestärkt aus der Krise hervorgehen.
Welche Faktoren treiben die Zuliefererkrise voran?
Lieferengpässe zerreißen etablierte Strukturen
Die deutsche Automobilzulieferindustrie steht unter enormem Druck. Bis Ende 2028 sollen in Deutschland bis zu 14.000 Stellen gestrichen werden. Diese Zahl verdeutlicht das Ausmaß der aktuellen Krise, die weit über temporäre Schwierigkeiten hinausgeht. Chipmangel und unterbrochene Lieferketten reduzieren seit 2021 die Produktion um durchschnittlich 15 Prozent. Zulieferer wie Continental und Bosch korrigierten ihre Jahresprognosen bereits mehrfach nach unten.
Die Abhängigkeit von asiatischen Halbleiterherstellern rächt sich jetzt bitter. Diese geografische Konzentration verwandelt jeden geopolitischen Konflikt in eine existenzielle Bedrohung für deutsche Produktionsstandorte.

Elektromobilität vernichtet traditionelle Geschäftsmodelle
Ein elektrischer Antriebsstrang benötigt nur 10 Prozent der Teile eines Verbrenners. Diese technische Realität zerstört komplette Wertschöpfungsketten binnen weniger Jahre. Getriebehersteller wie ZF investieren Milliarden in neue Technologien, während ihre Kerngeschäfte kontinuierlich schrumpfen.
Die operative Marge der Zulieferer sank von 5,9 auf 5,5 Prozent, während gleichzeitig Entwicklungskosten für Elektrokomponenten explodieren. Unternehmen müssen binnen fünf Jahren ihre komplette Produktpalette erneuern – eine Herkulesaufgabe, die viele finanziell überfordert. Der Umsatzanteil batterieelektrischer Fahrzeuge muss von 20 auf 25 bis 30 Prozent steigen (um CO₂-Ziele zu erreichen), was den Transformationsdruck weiter verschärft.
Preisdruck erreicht existenzbedrohende Dimensionen
OEMs wie Volkswagen und Mercedes pressen ihre Zulieferer mit gnadenloser Härte. Preisverhandlungen für Projekte ab 2027 werden voraussichtlich noch brutaler ausfallen, da die Hersteller selbst unter enormem Margendruck stehen. Die Interest Coverage Ratio vieler Zulieferer steht auf dem zweitniedrigsten Niveau seit 2010.
Vier der TOP 25 Zulieferer gelten laut Altman Z-Score als insolvenzgefährdet. Gleichzeitig steigen Energiekosten und Löhne weiter an. Diese Kostenschere zwingt mittelständische Betriebe in die Knie: 60 Prozent kämpfen bereits mit sinkenden Gewinnen, während chinesische Konkurrenten mit staatlicher Unterstützung aggressive Preise fahren. Deutsche Hersteller verloren seit 2018 über 5 Prozent Marktanteil an lokale chinesische Konkurrenten (allein im wichtigsten Absatzmarkt China).
Diese dreifache Belastung zwingt Zulieferer zu radikalen strategischen Entscheidungen. Wer jetzt nicht handelt, verschwindet vom Markt.
Wie können sich Zulieferer strategisch neu positionieren?
Diversifikation öffnet neue Umsatzquellen
Erfolgreiche Zulieferer verlassen das sinkende Schiff Verbrennungsmotor und erobern systematisch neue Märkte. Unternehmen steigern ihren Umsatz durch gezielte Diversifizierung deutlich, obwohl ihr Autozuliefer-Anteil kontinuierlich sinkt. Bertrandt verfolgt das konkrete Ziel, bis 2027 etwa 20 Prozent des Umsatzes aus Non-Automotive-Segmenten zu erzielen.
Medizintechnik, Energiebranche und Luft- und Raumfahrt bieten lukrative Alternativen zu schrumpfenden Automobilmärkten. Diese Branchen wachsen rasant und benötigen präzise Fertigungstechnologien, die deutsche Zulieferer bereits perfekt beherrschen. Schaeffler investierte frühzeitig in elektrische Antriebskomponenten und sicherte sich dadurch entscheidende Marktanteile in der E-Mobilität (während Konkurrenten noch zögerten).

Software-Kompetenz entscheidet über Marktstellung
Die Zukunft gehört Zulieferern, die Hardware mit intelligenter Software verbinden. Bosch erweiterte sein Portfolio erfolgreich um Mobilitätslösungen und automatisierte Systeme, während traditionelle Konkurrenten weiter auf reine Mechanik setzen. Künstliche Intelligenz wird in produktionsnahen Anwendungen weiterentwickelt und erprobt.
Automatisierte RFQ-Analysen beschleunigen den Angebotsprozess und verschaffen Wettbewerbsvorteile gegenüber langsameren Konkurrenten. Nearshore-Zentren in Rumänien und Marokko bieten kompetente Entwicklungskapazitäten zu günstigen Konditionen. Kooperationen mit Start-ups und Forschungseinrichtungen erleichtern den Zugang zu neuen Technologien ohne hohe Eigeninvestitionen.
Strategische Partnerschaften beschleunigen Transformation
ZF Friedrichshafen pumpt Milliarden in autonomes Fahren und Elektromobilität – eine Strategie, die andere Zulieferer kopieren müssen. Strategische Allianzen mit Technologieunternehmen reduzieren Entwicklungsrisiken und teilen hohe Investitionskosten auf mehrere Partner auf. Diese Kooperationen ermöglichen Zugang zu Märkten, die einzelne Unternehmen allein nicht erschließen könnten.
Doch strategische Neuausrichtung allein reicht nicht aus. Zulieferer müssen gleichzeitig ihre operativen Prozesse grundlegend überdenken und digitalisieren.
Wie überwinden Zulieferer die Krise durch operative Exzellenz?
Digitale Transformation revolutioniert Produktionsprozesse
Automobilzulieferer digitalisieren ihre Produktions- und Vertriebsprozesse mit radikaler Konsequenz. Industrie 4.0-Technologien nutzen bereits 65 Prozent der deutschen Unternehmen, weitere 25 Prozent planen deren Einsatz. Unternehmen wie Bosch implementieren vollautomatisierte Fertigungslinien, die sich binnen Stunden auf neue Produktvarianten umstellen lassen (eine Flexibilität, die bei kurzfristigen OEM-Änderungen überlebenswichtig wird).

Automatisierte RFQ-Systeme beschleunigen Angebotsprozesse von Wochen auf Tage und verschaffen entscheidende Wettbewerbsvorteile. Predictive Maintenance reduziert Ausfallzeiten um bis zu 30 Prozent und senkt Wartungskosten erheblich. Diese digitalen Werkzeuge verwandeln reaktive Betriebe in proaktive Marktführer, die Probleme lösen, bevor sie entstehen.
Kostenstrukturen durchbrechen traditionelle Grenzen
Zulieferer überprüfen ihre Kostenstrukturen gnadenlos und eliminieren jede Form von Verschwendung. Nearshore-Produktion in Ländern wie Rumänien oder Marokko bietet erhebliche Kosteneinsparungen bei gleichbleibender Qualität. Diese geografische Diversifizierung reduziert gleichzeitig Abhängigkeiten von einzelnen Standorten und schützt vor regionalen Krisen.
Energieintensive Prozesse verlagern erfolgreiche Unternehmen gezielt in Regionen mit günstigeren Strompreisen. Shared-Service-Center für administrative Aufgaben eliminieren Doppelstrukturen und senken Overheadkosten um 20 bis 35 Prozent. Gleichzeitig ermöglichen flexible Arbeitsmodelle und projektbasierte Personalstrukturen schnelle Anpassungen an schwankende Auftragseingänge (ohne die Kernkompetenz zu gefährden).
Personalstrukturen schaffen maximale Agilität
Die Transformation erfordert völlig neue Personalkonzepte, die Flexibilität mit Expertise verbinden. Erfolgreiche Zulieferer bauen hybride Teams aus Festangestellten und hochqualifizierten Freelancern auf. Diese Struktur ermöglicht schnelle Skalierung bei Großprojekten und flexible Kostenreduktion in schwächeren Phasen.
Weiterbildungsprogramme für KI-Technologien und digitale Fertigungsverfahren verwandeln traditionelle Mechaniker in hochqualifizierte Techniker. Unternehmen investieren gezielt in Skills, die branchenübergreifend relevant bleiben: Datenanalyse, Prozessoptimierung und Automatisierungstechnik. Diese Investitionen sichern langfristige Beschäftigungsfähigkeit und reduzieren Abhängigkeiten von schrumpfenden Geschäftsfeldern. Mitarbeiter entwickeln dadurch Kompetenzen, die sie auch in anderen Branchen erfolgreich einsetzen können.
Schlussfolgerung
Die Krise der deutschen Automobilzulieferer eröffnet historische Chancen für entschlossen handelnde Unternehmen. Während schwächere Konkurrenten vom Markt verschwinden, erobern strategisch agierende Betriebe neue Geschäftsfelder und Technologiebereiche. Diese Transformation verlangt jedoch radikale Geschwindigkeit, da sich Märkte binnen Monaten grundlegend verändern.
Erfolgreiche Automobilzulieferer diversifizieren ihre Produktpalette systematisch, bauen digitale Kompetenzen auf und revolutionieren operative Prozesse. Unternehmen, die diese Herausforderung als Chance begreifen, sichern sich entscheidende Wettbewerbsvorteile gegenüber zögernden Konkurrenten. Die operative Marge lässt sich durch intelligente Digitalisierung und Prozessoptimierung nachhaltig stabilisieren (trotz des anhaltenden Preisdrucks).
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